Dreaming Beyond AI: Portals Behind the Algorithm

Ausstellung u. a. mit Hiba Ali
ifa-Galerie, S-Mitte
bis 30. August 2026
https://www.ifa.de/kunst/ifa-galerie-stuttgart/

www.akademie-solitude.de

Hiba Ali, Ausstellungseröffnung.
Foto: © Creative Essentials
Ausgabe: Mai 2026

Digitalkünstlerin und Solitude-Stipendiatin Hiba Ali

Oasen im Zeitalter des Internets

Wer hat Angst vor Künstlicher Intelligenz? Oder besser: Wer hat keine? Das „kollaborative Webprojekt“ Dreaming Beyond AI: Portals Behind the Algorithm stellt sich den Herausforderungen, indem es Kunst und Wissenschaft zusammenbringt. Werke des multidisziplinären Kollektivs werden in der ifa-Galerie ausgestellt. Mit von der Partie ist Hiba Ali, Digitalkünstlerin und Stipendiatin der Akademie Schloss Solitude.

Der Bildschirm gleicht der Glaswand eines Aquariums. Ein „Player Guide“, sprich ein Schild vor der Video-Installation, leitet uns an: Zuerst, heißt es, auf einem Sitzsack Platz nehmen, dann das Virtual Reality-Headset aufsetzen. Nun löst sich die Glaswand auf und wir tauchen ein in eine digitale Wasserwelt: Neonfarbene Schwimmpflanzen, Grasbüschel und algenartige Gebilde treiben hin und her. Der Hintergrund flimmert in einem gedämpften Morgenrosa. Ein Plätschern und Atemgeräusche sind zu hören, und eine Frauenstimme, die im Tonfall einer geführten Meditation Sätze sagt wie: „This world is a beautiful place.“

„Eine Praxis, die Körper, Geist und Seele miteinander verbindet.“

Die Stimme gehört Hiba Ali, der Schöpferin dieses Kunstwerks, das den Titel trägt: watering the somatic oasis, „die somatische Insel bewässern“. Und auf Nachfrage erklärt sie: „Ich begreife meine Arbeit als Digitale Somatik – eine Praxis, die Körper, Geist und Seele durch immersive Medien, Spieldesign und 3D-Animation miteinander verbindet.“ Mit der Medienkunst ist es so eine Sache: Von Beginn, den 1960er-Jahren an zeichnet sie eine Mitmach-Mentalität aus. Anders als bei traditionellen Kunstobjekten im Museum ist das Berühren sogar notwendig, denn aus den Betrachtenden sollen Teilnehmende werden. Allerdings scheinen bis heute die Berührungsängste weit verbreitet, zumindest in der deutschen Bevölkerung. Obwohl die Computertechnik längst allgegenwärtig und selbstverständlich geworden ist, bleibt vieles erklärungsbedürftig. Andererseits zeigt sich auf den zweiten Blick, dass dieses Kunstfeld keineswegs ein Schattendasein fristet, zumal in Deutschland. Das Berliner Kulturfestival transmediale oder das Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe genießen weltweit Aufmerksamkeit. Und in Stuttgart wirkte einst an der Technischen Hochschule der Philosoph Max Bense, ein Vordenker der Computerkunst. Fortgeführt wird sein Erbe unter anderem an der Akademie Schloss Solitude, wo Hiba Ali derzeit als Stipendiatin im „Praxisfeld: Digital“ residiert.

„Die Ankunft im Schloss Solitude,“ berichtet die Stipendiatin, „fühlte sich an, als würde ich einen weiteren Raum des Erinnerns betreten.“ Hiba Ali beschäftigt sich künstlerisch und wissenschaftlich mit der Herkunftsregion ihrer Familie, den Anrainerkontinenten des Indischen Ozeans, Asien und Afrika, sowie dem Kontinent, auf dem sie aufwuchs, Nordamerika. Zum einen versteht sie Erinnerung als „etwas, das in Umgebungen eingebettet ist“, zum anderen möchte sie „Räume schaffen, in denen Wissen über verschiedene Zeiten und Orte horizontal geteilt werden kann.“ Auch das zeichnet die Medienkunst insgesamt aus, die Vernetzung über mediale und nationale Grenzen hinweg, im und analog zum Internet.

Dreaming Beyond AI: Portals Behind the Algorithm nennt sich eines der Netzwerke, in denen Hiba Ali mitwirkt. Ein „kollaboratives Webprojekt“, das Künstler*innen und Wissenschaftler*innen vereint, um „die Auswirkungen von KI-Technologien auf gesellschaftliche Ungleichheiten sichtbar zu machen“. Die Kunstwerke, die hierbei entstehen, sollen als „Akt des gemeinsamen Träumens“ einen Widerstand gegen die drohende Übermacht der Algorithmen darstellen. In der Galerie des Instituts für Auslandsbeziehungen sind Werke des Dreaming Beyond AI-Kollektives zu sehen, genauer zu erleben sein, darunter Hiba Alis watering the somatic oasis.

„Technologie“, sagt die Digitalkünstlerin, „durchströmt uns bereits, wenn wir eine Nachricht erhalten; unser Nervensystem reagiert sofort, wir empfinden Freude oder verspüren Angst.“ Für das „Datentrauma“, das wir im rasanten Internet-Zeitalter erleiden, versucht sie, „ein Umfeld der Fürsorge und Begegnung zu schaffen; Orte, an denen Menschen durch einen langsameren, bewussteren Umgang mit Technologie wieder zu sich selbst und zueinander finden können.“

Handelt es sich also eher um eine Therapietechnik als um Kunst? Sowohl als auch. In Hiba Alis digitaler Wasserwelt wabern Rauchschwaden und nicht alle Gebilde sind so eindeutig bestimmbar wie die Grasbüschel. Momente, die für Irritationen sorgen können. Daher hat die Installation nicht nur eine beruhigende Wirkung, sondern auch eine wach machende, sodass wie bei allen Künsten eindringliche Fragen auftauchen: „This world is a beautiful place – wirklich, was meinst Du?“.