33. Internationales Trickfilmfestival Stuttgart

5.-10. Mai 2026
S-Mitte
www.itfs.de

 

Filmstil aus "Allah is not obliged"
Foto: © Creative Touch Studios
Ausgabe: Mai 2026

33. Internationales Trickfilm-Festival

Die Trickfilm-Welt in Stuttgart

Aus rund 2000 Filmeinreichungen haben es etwa 100 Werke aus 39 Ländern in die fünf Wettbewerbsprogramme des 33. Internationalen Trickfilm-Festival Stuttgart (ITFS) geschafft. Ein besonderer Fokus liegt vom 5. bis 10. Mai 2026 auf Filmen aus Kenia und auf der Animationsfilmszene der Niederlande. Auf dem Schlossplatz wird es zudem wieder ein buntes Film- und auch Mitmachprogramm für die ganze Familie geben – kostenlos.

Seinem Ruf als Publikumsfestival mit zuletzt 70.000 Besucher*innen will das Festival auch in diesem Jahr wieder gerecht werden. Insbesondere Familien und Kinder sind als Zielgruppe verstärkt angesprochen. Die Open-Air-LED-Leinwand auf dem Schlossplatz wird dabei täglich bei freiem Eintritt als niederschwelliges Lockangebot dienen. Am Mittwoch, 6. Mai, etwa wird dort der ungarische Animationsfilm Pelikan Blue von László Csáki gezeigt, in dem drei Freunde nach dem Fall des Eisernen Vorhangs mit Hilfe von Pauspapier Zugtickets für Fahrten zu westeuropäischen Destinationen fälschen. Was gut geht, bis ihnen die Polizei auf die Schliche kommt. Mit der 2021 entstandenen Animations-Langfilm-Doku Flee von Jonas Poher Rasmussen kehrt am 9. Mai ein damals für den Oscar nominiertes Werk zurück zum Stuttgarter Festival. In einem Mix aus kreativen Stilen von der bewegten Comiczeichnung über expressionistisch illustrierte Erinnerungen bis hin zu Found-Footage-Realfilmaufnahmen aus den 1980er-Jahren aus Afghanistan erzählt Rasmussen die ebenso spannende wie beklemmende Flucht- und Lebensgeschichte von Amin Nawabi, der 20 Jahre lang mit einem schmerzhaften Geheimnis lebte.

Getreu dem Motto „Mitmachen, mitdenken, mitgestalten“ wird es auch erweiterte medienpädagogische Angebote und Raum für Austausch, kreative Teilhabe und demokratische Bildung für Familien Kinder, Schulen und Kitagruppen geben. „Mit unseren Filmen und der Activity Area auf dem Schlossplatz beleben wir die Innenstadt und fördern Kultur im öffentlichen Raum“, sagt Heike Mozer, kaufmännische Geschäftsführerin der Film- und Medienfestival gGmbH. Die GameZone ist wie im Vorjahr wieder in der Staatsgalerie zu finden und lädt ein, animierte Spiele, Projekte und neue Formen des digitalen Storytellings zu entdecken und selbst auch auszuprobieren. Geschätzt sind auch die Begegnungen mit Filmschaffenden. „Unser Festival gilt als Plattform für künstlerische Stimmungen und gesellschaftlichen Diskurs, bei uns trifft die Filmbranche auf Publikum“, hebt Mozer hervor.

Erwachsenenanimation mit Anspruch

Unter den sechs Filmen des AniMovie-Langfilmwettbewerbs, die bislang noch keinen deutschen Filmverleih haben, ist mit Little Amélie or the character of rain von Maïlys Vallade und Liane-Cho Han erneut ein Oscar-nominierter Beitrag vertreten (7. Mai). In poetischen Bildern und mit staunenden Blicken wird darin von einem Mädchen, das als Tochter belgischer Eltern in Japan aufwächst und dort die Welt mit der staunenden Intensität eines kleinen Kindes erlebt, erzählt.

„Langfilme sind Erwachsenenanimation mit Anspruch. Von den sechs Filmen beim ITFS war bisher noch keiner in Deutschland zu sehen. Sie erzählen von Entscheidungen und Wendepunkten, Erinnerung und Gegenwart und außergewöhnlichen Begegnungen, gestalterisch wie inhaltlich tragen sie eine persönliche Handschrift und stimmen in ihrer Vielschichtigkeit nachdenklich“, weist die für die Programmauswahl verantwortliche Annegret Richter auf die seltene Gelegenheit zur Sichtung in den Stuttgarter Innenstadtkinos hin.

Ein weiterer dieser Langfilme ist Allah is not obliged von Zaven Najjar (7. Mai), in dem der junge Birahima sich auf der Suche nach seiner Tante durch die Wirren der Bürgerkriege in Westafrika schlägt und dabei zwischen Rebellen, Soldaten und skrupellose Kriegsführer gerät – und selbst zum Kindersoldaten wird. Trotz ernster Themen wie Verlust, Überleben und Kindheit im Krieg weiß der Film mit trockenem Humor und direkter Sprache aufzuwarten. In Bouchra von Meriem Bennani und Orian Barki (8. Mai) bringt ein Telefonat einer in New York lebenden Filmemacherin mit ihrer Mutter in Marokko verdrängte Gespräche über Herkunft, Sexualität und Familie ins Rollen. Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion werden spielerisch und mit einem humorvollen ebenso wie berührenden Blick auf die Komplexität von Familie und Gesellschaft vermischt.

Vielfältige Erzähltraditionen

Von der für diesen Wettbewerb am Ende als Jurymitglied abstimmenden Voline Ogutu aus Kenia, deren Spielfilmdebüt Family Vacation im August 2024 auf Netflix Premiere feierte und deren mehrfach preisgekrönte Werke vom Drehbuch bis zu Serien Folklore, aktuelle Politik und spekulative Fantasie verbinden, wurde das Programm Hadithi Hadithi Kenyan Animation Showcase (6. Mai) mit neun Kurzfilmen junger kenianischer Regisseurinnen zusammengestellt. „Hadithi“ ist Swahili für „Geschichte“ – und „Hadithi Hadithi“ das, was Menschen in Kenia zu ihrem Publikum sagen, bevor sie ihnen eine Geschichte erzählen. Entsprechend enthält das Programm Beiträge ganz im Sinne der starken und vielfältigen Erzähltraditionen des Landes, die über Generationen hinweg in Form von Legendenerzählungen über Königinnen und Helden, Kinderreime und Geschichten mitten aus dem Leben weitergegeben werden. Erst im vergangenen Jahr hatte das ITFS mit Kizazi Moto: Generation Fire eine für Disney+ hergestellte Serie präsentiert, die sich auf diese neuen Erzählweisen fokussierte.

Ülo Pikkov gilt als zentrale Stimme des zeitgenössischen estnischen Animationsfilms. Seine Filme sind präzise konstruierte Erinnerungsräume, in denen er echte Lebensgeschichten mit gesellschaftlichen und historischen Ereignissen des 20. Jahrhunderts verschränkt. Pikkov arbeitet mit realen Objekten – Garn, Papier, Bücher, Fundstücke, die vor der Kamera animiert werden – für ihn sind diese Dinge Zeitzeugen, die durch die Animation ihre Geschichte erzählen können. Das Programm Ülo Pikkov – In Persona fasst seine wichtigsten eigenen Filme und solche, die ihn in seiner Arbeit inspiriert und beeinflusst haben, zusammen.

Spannend findet Annegret Richter auch, was sich in der Animationsfilmszene der benachbarten Niederlande tut. „Holland wird oft im Benelux-Kontext gesehen, aber das wird der Szene nicht gerecht. Es gibt mit Submarine ein großes und viele kleine Studios, die verrückt, bunt, experimentell und mit innovativen Techniken an Themen herangehen und dabei über einen wahnsinnig schönen Sinn für nicht zuletzt schwarzen Humor, der meist mit einer Pointe endet, aufwarten“, so Richter. Das Kurzmusical The Refusers von Wiep Teeuwisse über singenden Straßenmüll gewann vergangenes Jahr den Tricks for Nature-Award und läuft erneut beim ITFS. Zvermen von Janneke Swinkels und Tim Frijsinger nimmt an einem der vier Programme des internationalen Wettbewerbs teil und erzählt von einem alten Mann in einem Pflegeheim, der sich in seiner Handlungsfreiheit eingeschränkt fühlt und langsam in einen Vogel verwandelt. Und obwohl er von der Gruppe noch akzeptiert wird, spürt er, dass es an der Zeit ist, sich einer neuen Herde anzuschließen.