Nuran David Calis: Rausch
Fischer Verlag 2026.
288 Seiten.
Nuran David Calis: Rausch
Nuran David Calis erzählt in seinem Roman Rausch von Migration, Schmerz und Liebe – und von der Frage, ob Literatur und Kunst das Leid Verfolgter überhaupt je wirklich fassbar machen können.
Im Mittelpunkt des Romans steht Ufuk. Als Kind flieht er mit seinen armenisch-türkischen Eltern nach Deutschland. Später studiert er Regie und versucht im Bielefeld der 1990er-Jahre, die Erfahrungen seiner Familie in einem Theaterstück zu verarbeiten – in Zeiten, in denen das politische Klima nach rechts rückt und ihm scheint, dass sich kaum jemand daran stört.
Ufuk engagiert zwei illegalisierte Geflüchtete, die auf der Bühne ihre Geschichten erzählen sollen, um die Menschen zum Nachdenken anzuregen. Doch der Versuch, Geflüchteten eine Stimme zu geben, wird denen zur Gefahr: Als die Behörden von den Proben erfahren, werden die beiden Schauspieler verhaftet. Die Premiere platzt. Verzweifelt fliegt Ufuk mit dem wohlhabenden Aki nach Südfrankreich – und wird auf dieser rauschhaften Reise ein ganz anderer.
Der Roman ist ein packend-eindringliches Buch über Menschlichkeit und was Kunst dazu beitragen kann. Calis schildert schmerzlich anschaulich, was es für politisch Verfolgte bedeutet, Verfahren bei Behörden und Verhandlungen vor Gericht zu überstehen, um politisches Asyl zu erhalten. Er montiert die fesselnde Erzählung mit nüchternen Fakten-Berichten und Reflexionen über rechtskonservative Kulturdebatten, etwa in Botho Strauß’ Essay Anschwellender Bocksgesang (1992). Am Ende steht eine Erkenntnis, die das Programm des Romans bündelt: Kunst ist Widerstand. Sie soll Menschen zum Denken herausfordern.
Nuran David Calis ist Autor, Schauspieldirektor am Salzburger Landestheater und Regisseur. Er produzierte Musikclips für Hip-Hop-Bands, seine Stücke werden an großen Theatern aufgeführt. Der geborene Bielefelder und Träger zahlreicher Preise lebt in München.