Liebe Leser*innen,
Das IN MAGAZIN macht das Engagement (post-)migrantischen Vereine sichtbar, es macht Diskriminierungserfahrungen öffentlich und sensibilisiert für rassistische Strukturen und Denkweisen. Und es ist mit seinem umfangreichen Veranstaltungskalender auch ein sachkundiger Führer durch das reichhaltige Angebot unserer von kultureller Diversität geprägten Stadtgesellschaft. Denn es geht immer auch um das Erleben, um die sinnliche Wahrnehmung kultureller Vielfalt, in unserem Magazins ebenso wie beim Sommerfestival der Kulturen. Es geht um gelebten Alltag, um gegenseitiges Kennenlernen, um das Miteinander – und ums alltägliche Einmischen.
Der Aufbau und die Herausgabe dieses Magazins war gemeinsam mit dem Sommerfestival der Kulturen einer der ersten und wichtigsten Schritte des drei Jahre zuvor gegründeten Forums der Kulturen. Das Echo war überwältigend. „Diese Zeitschrift ist genau das, was wir schon immer gebraucht haben“, war der Tenor von Migrantenvereinen ebenso wie von Künstler*innen und integrationspolitisch Engagierten.
In diesen 25 Jahren hat sich vieles verändert. Für viele Menschen und in vielen Bereichen, auch in den Medien, ist Migration, Pluralität und kulturelle Vielfalt ein gutes Stückweit mehr zur Normalität, zum Alltag geworden – vor 25 Jahre war dies alles andere als selbstverständlich. Doch gleichzeitig nehmen – gerade in den letzten Jahren – Hass und Hetze wieder zu, gilt bei vielen nur das als „normal“, was „rein deutsch“ ist, treiben Rassismus und Ausgrenzung neue Blüten und haben Einzug ins Parlament gehalten. Und die noch vor 10 Jahren von allen besungene Willkommenskultur wird zunehmend ersetzt durch eine inhumane Abschiebepolitik bei gleichzeitiger Kürzung von Integrationskursen.
Ein Magazin wie dieses ist also leider auch heute noch wichtig. Es ist sogar wichtiger denn je, migrationsfeindlichen Tendenzen etwas entgegenzusetzen, auf mangelnde Chancengleichheit und Diskriminierung hinzuweisen, aber auch auf den Widerstand, auf das Engagement, auf die Potenziale von Menschen, deren Marginalisierung wir mit unserer Zeitschrift etwas entgegensetzen wollen.
Und nach wie vor gilt es, die Perspektiven derer wiederzugeben, die sonst nicht (oder nur undifferenziert) gehört werden und Themen zu bedienen, die anderswo nur wenig, nur als exotisches Beiwerk oder aber abwertend, stigmatisierend Beachtung finden. Mehr denn je gilt es, scheinbaren Eindeutigkeiten etwas entgegenzusetzen und eine multipersepktivische, auch Widersprüchlichkeiten zulassende Betrachtung unserer Gesellschaft zu fördern.
Das Engagement für all dies wird auch für mich persönlich weiterhin zentral sein, auch wenn ich nun – nach fast 28 Jahren – die Geschäftsführung des Forums in die Hände meiner Nachfolgerin, Angeliki Alina Papagiannaki-Sönmez (Interview auf Seite 20), übergebe und dies mein letztes Editorial in diesem Magazin sein wird. Ich werde auch weiterhin für eine offene und plurale Gesellschaft eintreten, für eine Gesellschaft, „die Unterschiedlichkeiten anerkennt, in der alle gleichwertig sind und gleiche Rechte haben, denn: Jede*r ist anders und alle sind gleich“. Denn dies ist nicht nur das große Ziel des Forums der Kulturen, wie es in dessen Selbstverständniserklärung formuliert ist, sondern hoffentlich auch das Ziel von uns allen, liebe Leserinnen und Leser.
Ihr Rolf Graser
ehemaliger Geschäftsführer des Forums der Kulturen Stuttgart e. V.