Die Grenze ist dicht!

Erfolgsgeschichten über Fluchten durch den Eisernen Vorhang
24. April 2026, 19 Uhr
(18.30 Uhr: Einlass und Welcome Drink)
Haus der Heimat, S-West
Veranstalter: Tschechisch sprechen in Stuttgart e. V.

 

Künstlich verändertes Foto des Grenzzauns: Drüben ist Leben, das Gras endlich grün.
Foto: © fotonika
Ausgabe: April 2026

Aus der Tschechoslowakei in den Westen: Flucht durch den Eisernen Vorhang

„Man trennt sich von seinem kompletten bisherigen Leben“

Nika Schmalz, Robert Thiele und Zdeněk Linhart sind alle drei in den 70er- oder 80er-Jahren durch den Eisernen Vorhang aus der damaligen Tschechoslowakei geflohen und kamen letztendlich in Stuttgart an. In einer Veranstaltung des Vereins Tschechisch sprechen in Stuttgart werden sie am 24. April 2026 ihre Geschichten erzählen.

Der „Eiserne Vorhang“ ist ursprünglich ein Begriff aus dem Theater und wurde 1946 politisch geprägt durch den britischen Politiker Winston Churchill. Als Bild stand er seitdem für eine möglichst unüberwindbare Grenze, die die Menschen in Europa ab 1946 trennen sollte, die Länder eingeteilt in Ost und West. Länder wie beispielsweise die Tschechoslowakei, die DDR, Polen oder Ungarn auf der östlichen Seite, die zum Einflussbereich der Sowjetunion gehörten und auf westlicher Seite Länder wie Österreich oder zum Beispiel die BRD, die sich eher an den USA orientierten. Wie viele Menschen beim Versuch der Flucht durch den Eisernen Vorhangs ihr Leben verloren, ist auch heute noch nicht genau bekannt.

„Der eiserne Vorhang in der Tschechoslowakei bestand aus mehreren Maschen- und Stacheldrahtzäunen, und davor gab es ein großflächiges Sperrgebiet“, erzählt Nika Schmalz vorab in einem gemeinsamen Gespräch. Sie lebte bereits als Kind einige Zeit lang in Nordwestböhmen im Grenzgebiet, das für Außenstehende nur mit Genehmigung zugänglich war. „In Prag wusste man zu diesem Zeitpunkt nichts Genaues von diesen Grenzgebieten“, sagt Robert Thiele. Doch was es mit diesen Zäunen genau auf sich hatte, erfuhr auch Nika Schmalz erst, als sie sie viele Jahre später, 1971 gemeinsam mit einem Freund überqueren wollte. „Wir fuhren die Westgrenze ab und immer wieder schien uns die Flucht undurchführbar – bis wir uns für Südmähren wegen des dicht bewaldeten Gebiets vor der Grenze entschieden.“ Nika Schmalz arbeitete damals im Außenhandel und hatte in einem politischen Gespräch, das über ihre Karriere entscheiden sollte, falsch geantwortet. Sie wusste, dass sie auch ein weiteres Gespräch nicht bestehen würde.

Karriere mit dem Sport des Klassenfeindes

Robert Thiele, geboren 1968 und damit 20 Jahre nach Nika Schmalz, machte schon als Kind den Sport des Klassenfeindes: Er fuhr Skateboards und baute sie auch selbst. Damit war er dem Regime ein Dorn im Auge, wurde ab und an angehalten und als Jugendlicher auf der Polizeiwache verhört. Trotzdem machte er Karriere, fuhr bereits in seiner Jugend zu Wettbewerben auch in westliche Länder, war mehrfach tschechoslowakischer Meister im Skateboarding und holte viele Jahre später – 2012 – die Slalom-Weltmeisterschaft im Skateboarding nach Stuttgart.

Nika Schmalz; Foto: privat
Robert Thiele; Foto: privat
Zdeněk Linhart; Foto: privat

Zdeněk Linhart, Jahrgang 1952, lernte die Seite des Systems als Kind einer enteigneten Mutter kennen: Sie war Hotelbesitzerin, bis das kommunistische System sich das Hotel zu eigen machte. Und er gehörte damit zu Kindern von Menschen, die abwertend als Klassenfeinde („Kapitalisten, Akademiker, Adlige, Bürgertum“) bezeichnet wurden und denen es bis zum Prager Frühling 1968 verboten war zu studieren. 1977 kam er dann als studierter Flugzeugtechniker nach Westdeutschland, nachdem er über Monate hinweg sieben Siegel in Form von Stempeln unter anderem des Arbeitgebers und der Armee nach ausleuchtenden Gesprächen gesammelt hatte und Devisen von seiner Bank erhielt. Alles offiziell, um als Tourist in die Benelux-Staaten mit dem Zug zu reisen. Ausgestiegen ist er dann allerdings bereits im bayrischen Ansbach.

„Wir haben uns in einer Kirche versteckt, bis es dunkel genug war, dass wir unsere Flucht nach Österreich versuchen konnten“, erzählt Nika Schmalz. Sie und ihr Freund hatten sich unter der Angabe, den letzten Bus ins Landesinnere verpasst zu haben, am 31. März 1971 in einem Hotel im Grenzdorf Frain an der Thaya (tschechisch: „Dyje“) eingemietet. Einen zufällig an diesem Abend gezeigten Kinofilm wollten sie dann anschauen gehen. Stattdessen warteten sie in der Kirche bis zur völligen Dunkelheit.

Maschendraht, Maschendraht, Stolperminen, Stacheldraht

„Es hat geregnet und geschneit, die Thaya war über die Ufer getreten, doch wir konnten sie auf einem Steg überqueren und gelangten so an den ersten Zaun.“ Nika Schmalz rüttelte ein wenig daran und durch puren Zufall fiel ein Stück heraus. Ab jetzt robbten sie sich auf dem Bauch vorwärts, gelangten irgendwann zum zweiten Zaun, schnitten ihn durch und robbten weiter. Es war ihr Glück: So entdeckten sie die Stolperdrähte der im Boden befindlichen Minen und konnten sie umgehen. Es dämmerte bereits, als sie den letzten Zaun vor ihren Augen erblickten. „Ich ging irgendwie davon aus, dass ein Zaun auch stromgeladen sein muss und hatte vorsorglich am Tag zuvor eine isolierte Kneifzange besorgt“, erzählt Nika Schmalz. Damals wusste die Bevölkerung noch sehr wenig darüber, wie genau die Zäune beschaffen waren.

Doch zunächst verbrachten sie den Tag im Wald und beobachteten die Vorgänge auf der tschechischen Seite des Zaunes, das Patroulieren der Grenzsoldaten mit den Hunden des nahegelegenen Hundetrainingslagers, die Wachtürme links und rechts; als Proviant hatten sie eine Tafel Schokolade und eine Packung Zigaretten.

In der Dunkelheit der nächsten Nacht (am 1.April, um 23.30 Uhr, lt. dem Protokoll in der Strafakte) durchschnitten sie den letzten Zaun, ihr Glück war die isolierte Kneifzange. Lichter gingen an, Lichtkegel irrten umher: Der Zaun war stromgeladen. Ihr weiteres Glück: Dass sie ihre Flucht nicht schon Jahre zuvor versucht hatten, die Zäune waren bis 1964 mit bis zu 6000 Volt Spannung versehen, was vor allem zu Todesfällen bei den bewachenden Grenzsoldaten geführt hatte; hier wäre auch eine isolierte Kneifzange machtlos gewesen.

Nika Schmalz und ihr Freund hörten Schüsse, das Bellen von Hunden und rannten. Ein Hund stellte sich ihnen in den Weg und war plötzlich fort. Sie rannten immer weiter, bis sie im Wald ein Schild in deutscher Sprache sahen. Die Zange blieb am Zaun zurück, das Papier der Schokolade, die leere Schachtel Zigaretten im Wald: Alles ist gut auf Fotos ihrer Strafakte dokumentiert, die sich Nika Schmalz viele Jahre später zukommen ließ.

Bild aus der Strafakte von Nika Schmalz: Das Zurücklassen der Zange und einer Mütze sind got dokumentiert. Foto: Fononika

Vier Wochen später folgte dann die zweite Flucht von Österreich nach Westdeutschland.

„Noch in Deutschland bin ich mit Alpträumen patschnass aufgewacht“, erzählt Zdeněk Linhart. Und die anderen beiden können das bestätigen. Dazu die Ungewissheit, welche Bestrafung der Familie für die Flucht der Kinder drohte. Zdeněk Linhart hatte vier Jahre keine feste Adresse, um sich zu schützen, schickte nur Postkarten an seine Familie. Ihre Familien sahen alle über Jahre hinweg nicht mehr, alles war ungewiss. „Man verabschiedet sich von allem, Familie, Freundeskreis, …“, sagt Robert Thiele „Man trennt sich von seinem kompletten bisherigen Leben.“ Nika Schmalz sah ihre Mutter 17 Jahre lang nicht, Zdeněk Linhart bekam erstmals nach vier Jahren Besuch von ihr und auch Robert Thiele rechnete damit, seine Mutter 20 Jahre nicht mehr sehen zu können. „Mein Bruder war neun Monate vor mir geflohen“, erzählt er. „Und meine Mutter musste melden, dass ihr Sohn weg war. Erst der erste, dann der zweite.“

„Egal, wo man herkommt, man fühlt sich erstmal unsichtbar“, erzählt er weiter. Er kam bepackt mit seinem Skateboard 1988 nach Westdeutschland; offiziell, um an einem Wettbewerb teilzunehmen. Er arbeitet seitdem als Fotograf, gibt Skateboard-Kurse in Unterkünften für Kinder mit Fluchtgeschichte, hat in der Altenpflege gearbeitet, als Schreiner – und keine bescheidene Karriere als Slalom-Skateboarder hinter sich. Seine Vergangenheit prägt ihn bis heute: „Der Mangel von damals sitzt so tief und unsichtbar in einem: wenn ich etwas entdecke, nehme ich es manchmal mit nach Hause und es wacht das Handwerkerherz auf.“

Die ausführlichen Geschichten der drei aus der Tschechoslowakei Geflohenen gibt es am 24. April im Rahmen der Veranstaltung von Tschechisch sprechen in Stuttgart e. V. im Haus der Heimat zu hören.