Angeliki Alina Papagiannaki-Sönmez

Foto: Mikhail Balashov
Ausgabe: April 2026

Angeliki Alina Papagianniki-Sönmez im Forum der Kulturen

Erfahren, erleben, mitgestalten, bewegen – das treibt mich an

Am 1. April 2026 übernimmt Angeliki Alina Papagiannaki-Sönmez von Rolf Graser die Geschäftsführung des Forums der Kulturen. An Bord ist sie bereits seit 1. Februar. Im Interview berichtet sie, wie sie die ersten vier Wochen erlebt hat und was ihr an der Arbeit des Forums wichtig ist.

Alina, seit 1. Februar ist dein Arbeitsplatz am Marktplatz 4. Wie sind deine ersten Eindrücke?

Da ist zunächst einmal die Stadt selbst – Stuttgart. Aktuell nehme ich den Weg vom Bahnhof zum Marktplatz mit allen Sinnen wahr. Was mir besonders auffällt, ist, wie organisch diese Stadt ist. Die Vielfalt ist deutlich wahrnehmbar – die Sprachen, die auf der Straße gesprochen werden. Ähnlich vielfältig ist auch das Forum der Kulturen. Für mich bedeutet diese Vielfalt auch Verantwortung: Räume zu schaffen, in denen Menschen sich einbringen können.

Was nimmst du hier wahr?

Das Forum deckt enorm viele unterschiedliche Bereiche und Themen ab – viel mehr als man von außen erkennen kann. Immer wieder denke ich: Wow, dieses Thema haben wir also auch. Es gibt Strukturen, aber es ist zugleich vieles im Fluss. Ich spüre viel Zusammenhalt und auch sehr viel Miteinander. Mir gefällt das Organische. Das Forum der Kulturen ist nicht starr, sondern sehr lebendig. Gerade in herausfordernden Zeiten ist diese Lebendigkeit eine wichtige Stärke.

Mit welchem Gefühl blickst du auf deine neue Aufgabe?

Mit Freude. Ich sage das Wort, trotz der Realitäten, die diese Freude in Nüchternheit zu wandeln versuchen. Der Grund dafür sind die Menschen, die hier arbeiten. Jede einzelne Person geht auf ihre Weise in die Tiefe. Auch durch seine Geschichte hat das Forum der Kulturen tiefe und stabile Wurzeln. Für mich ist es, als würde ich unter einem schönen Baum stehen. Die Bedingungen sind aktuell schwierig, aber das Licht ist da. Es ist eine Frage der gemeinsamen Überlegung, wie es uns gelingen kann, dass dieser Baum weiterhin wächst und Früchte trägt. Dazu gehört für mich auch, gemeinsam Prioritäten zu setzen und mit den vorhandenen Ressourcen achtsam umzugehen.

Was hat dich an dieser Aufgabe so gereizt, dass du gesagt hast: Das ist mein nächster Schritt?

Es gibt in meinem Leben einen roten Faden. Das ist meine Bereitschaft und Neugier, unterschiedliche Lebensrealitäten, Kulturen, Gedanken zu erfahren, zu erleben. Mir ist sehr wichtig, dass mein Tun einen Sinn hat, dass ich etwas an die Gesellschaft zurückgeben kann. Im Forum kommen viele dieser Perspektiven zusammen.

Du hast einige Semester Mathematik und Astronomie studiert, deinen Meister als Gebäudereinigerin gemacht, ein eigenes Unternehmen geleitet und zuletzt als Berufsschullehrerin unterrichtet. Zudem hast du Erfahrung mit migrantischen Organisationen und hast immer wieder Konzepte erarbeitet – auch was Inklusion betrifft. Wie lassen sich diese Erfahrungen jetzt produktiv machen?

Ich bringe in der Tat viel Praxiserfahrung mit: aus dem Handwerk, der Bildung, meiner ehrenamtlichen Tätigkeit bei postmigrantischen Organisationen. Das bedeutet für mich auch: Ich kenne unterschiedliche Blickwinkel. Ich erlebe immer wieder, dass Institutionen ihre eigenen Vorstellungen, Perspektiven und ihren Fokus haben. In dieser spaltenden Zeit ist meine Frage: Wie können wir uns wieder verbinden? Wie können wir Zusammenhalt und Teilhabe stärken – nicht allein durch schöne Programme und Worte, sondern durch eine Haltung, eine Einstellung? Wie können wir einen Rahmen schaffen, um Wachstum, Bildung, Miteinander und Mitgestalten für alle zu ermöglichen? Dabei habe ich immer wieder „rote Linien“ entdeckt.

Welche?

Gebäudereinigung ist Handwerk und Dienstleistung zugleich, die zwar überall gebraucht wird, aber wirtschaftlich am meistens ausgebeutet wird. Hier gibt es eine Menge „rote Linien“. Ich verstehe mich als eine politische Person. Politisch im Sinne von gesellschaftlicher Verantwortung, nicht parteipolitisch. Das bedeutet für mich, dass ich etwas an die Gesellschaft zurückgebe. Deshalb habe ich bewusst die Rolle gewechselt: Als verbeamtete Berufsschullehrerin konnte ich in das System hineingehen. Ich habe an der zweitgrößten Berufsfachschule in Hessen unterrichtet – einem sozialen Brennpunkt, wie man das so nennt. Dort habe ich die Lebensrealitäten der Jugendlichen und Auszubildenden kennengelernt. Ich habe neue Freiheiten des Gestaltens kennengelernt, bin zugleich aber auf neue „rote Linien“ gestoßen. Aus meiner Sicht geht es nicht darum, Brücken zu bauen, sondern Grenzen auszudehnen.

„Brücken bauen“ ist ja eine häufig verwendete Formulierung …

Für mich ist sie nicht mehr zeitgemäß. „Brücken bauen“ – das klingt, als gäbe es zwei gesellschaftliche Gruppen. Die eine heißt „Wir“, die andere „Ihr“. Beide haben es anscheinend nie geschafft, eine stabile Verbindung zueinander aufzubauen. Diese Vielheit ist keine Ausnahme – sie ist längst Normalität. Welchen Sinn hat es dann immer neue Brücken zu bauen?

Welche Formulierung passt denn für dich?

Wir sind verschieden, denn wir sind Individuen. Unsere Unterschiede geben uns die Möglichkeit, gemeinsam unterschiedlich zu denken und auf diese Weise Aufgaben zu lösen.

Wie könnte das gelingen?

Sehr wichtig sind Gemeinschaftsmomente. Es gibt beim Forum der Kulturen viel Potenzial, solche gemeinsamen Momente zu schaffen. Das Sommerfestival der Kulturen zum Beispiel bietet dafür einen tollen Rahmen. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie wir solche Begegnungen auch im Alltag stärken – in der Innenstadt ebenso wie in Stadtteilen, Schulen und Vereinen. Wir brauchen dringend das Haus der Kulturen in zentraler Lage. Und wir brauchen Formate, die ich aber nicht selbst bestimmen, sondern kollektiv mit dem Team und mit den (post-)migrantischen Vereinen vor Ort entwickeln möchte. Es ist entscheidend, die Jugendlichen dabei von Anfang an mit ins Boot zu holen, sodass sie früh erleben, gehört zu werden und mitgestalten zu können.

Du hast durch deine Zeit als Berufsschullehrerin viel Erfahrung mit Jugendlichen …

Ja, und diese Erfahrung hat mich sehr bereichert. Ich habe Geflüchtete unterrichtet und junge Menschen mit Inklusionsbedarf, darunter neun Jahre lang gehörlose Schülerinnen und Schüler. Ich habe unterschiedlichste Lebensrealitäten kennengelernt. Dafür bin sehr dankbar.

Du warst und bist Mitglied in verschiedenen (post-)migrantischen Vereinen. 2016 hast du am vom Forum der Kulturen durchgeführten landesweiten Qualifizierungsprojekt MEMO (Management & Empowerment in Migrantenorganisationen) teilgenommen …

Das war das Beste, was den Vereinsaktiven damals passieren konnte. Das Forum der Kulturen hat uns enorm gestärkt. In den Wochenendseminaren wurde Wissen kompakt vermittelt – von der Vereinsstruktur über Steuern bis zur Öffentlichkeitsarbeit. Hier hörten wir zum ersten Mal, dass auch wir Expertinnen und Experten sind. Das ist etwas, das zuvor noch niemand gesagt hatte. Wir sind wirklich gewachsen in dem Moment. Wir wussten: Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, die Strukturen, die wir geschaffen haben, nach außen sichtbar zu machen. Rückblickend war das für mich ein Segen.

Du warst auch OB-Kandidatin bei der Heidelberger Bürgermeisterwahl …

Ja, 2018 haben wir die politische Wählervereinigung Heidelberg in Bewegung gegründet. Mir war es wichtig, auch am politischen Geschehen der Stadt, der Kommune teilzuhaben. Erfahren, erleben, mitgestalten, bewegen – das ist es, was mich antreibt.

Aktuell sitzt du gemeinsam mit Rolf Graser im Büro, dessen Aufgaben du sukzessive übernimmst …

Ich kenne Rolf schon lange und empfinde großen Respekt ihm gegenüber, vor allem, weil er diesen Weg mit den Vereinen gegangen ist. Er hat immer das Große gesehen, nicht die Hindernisse. Und er hat vieles geschaffen, auf das sich jetzt aufbauen lässt.

Was verstehst du unter Führung?

Als Unternehmerin in der Dienstleistungsbranche habe ich bei unseren Kunden praktisch alle Führungsstile kennengelernt – von autoritär bis laissez-faire. Als Beamtin habe ich die Diskrepanz dann am eigenen Leib kennengelernt. Auf der einen Seite war ich Pädagogin, auf der anderen Seite Teil eines Systems. Wenn ich am Forum der Kulturen auf einen kollektiven Prozess und eine partizipative Führung setze, dann nicht, weil das aktuell besonders modern ist. Es ist in meinen Augen der einzig richtige Weg. Durch Partizipation können sich alle Mitwirkenden entfalten und wachsen. Was Partizipation braucht sind klare Strukturen und transparente Entscheidungen. Wie uns das gelingt, das wird die Zukunft zeigen.

Was hast du dir fürs erste Jahr vorgenommen?

Zunächst möchte ich alle Aufgaben genau kennenlernen. Deshalb bin ich dankbar, dass die Staffelübergabe bewusst gestaltet ist. Rolf Graser hat ja fast 30 Jahre lang das Forum der Kulturen geleitet. Für mich geht es in diesem Jahr darum, viel zu beobachten und zu erfahren – auch von unseren Kooperationspartnern. Gleichzeitig möchte ich mit dem Team überlegen, welche Schwerpunkte wir künftig setzen. Ich komme in einen gewachsenen Organismus – da gibt es viele wichtige Organe, nicht nur das Gehirn oder das Herz. Ich möchte in diesem kollektiven Organismus herausfinden, welche Funktion ich als Geschäftsführerin habe – nicht nur formell, sondern auch informell. Wie füge ich mich in diesen Organismus als Teil und Mitgestalterin ein? Anders formuliert: Ich möchte den Boden unter meinen Füßen kennenlernen, und das mit allen Sinnen. Es ist ähnlich wie mit dem Weg vom Bahnhof zum Marktplatz.