Erzähl_Kafe & Oreshki – Zwischen Herkunft und Hiersein

So, 29. März 2026, 17 Uhr
Experimentierraum, S-Mitte
Veranstalter: Lernort Geschichte der Stuttgarter Jugendhaus gGmbH, Mosaik Deutschland e. V.
www.aktionswochen-stuttgart.de

 

Foto: Lucija Marošević und Unsplash
Ausgabe: März 2026

Erzählcafé zu Antislawismus

"Gemeinsam die Vielfalt unserer Biografien entdecken"

Das Erzähl_Kafe und Oreshki – Zwischen Herkunft und Hiersein am 29. März 2026 wird ausgerichtet von Lernort Geschichte der Stuttgarter Jugendhaus gGmbH und Mosaik Deutschland e. V. Es bietet eine Plattform, um Geschichten von Menschen aus Osteuropa, dem Balkan und zentralasiatischen Ländern einen Raum zu geben und miteinander zu vernetzen.

„Osteuropa und der Balkan gehören zu den Hauptherkunftsregionen der ausländischen Bevölkerung und der Bevölkerung mit Migrationshintergrund in Deutschland. Und auch Millionen Menschen aus zentralasiatischen Regionen – darunter auch viele (Spät-)Aussiedler – gibt es hier. Leider bleiben ihre vielfältigen Perspektiven und Geschichten oft im Hintergrund, ebenso ihre Bedarfe. Auch Diskriminierungs- und Rassismuserfahrungen werden bisher nur am Rande Teil der rassismuskritischen Debatte behandelt. Diese Leerstelle wollen wir mit dem Erzählcafé im Rahmen der Aktionswochen gegen Rassismus Stuttgart schließen“, sagt Lucija Marošević, pädagogische Mitarbeiterin und politische Bildnerin von Lernort Geschichte der Stuttgarter Jugendhaus gGmbH.

Das Erzähl_Kafe und Oreshki – Zwischen Herkunft und Hiersein am 29. März 2026, das im Rahmen des bereits bestehenden Oral History Café von Lernort Geschichte ausgerichtet wird, soll als Plattform der Erinnerungskultur für Menschen aus Osteuropa, dem Balkan sowie Zentralasien dienen. Im Vordergrund steht dabei, diesen von Diversität geprägten und komplexen Geschichten einen Raum zu geben ­– und vor allem Menschen zu vernetzen.

Lebensrealitäten aus dem postsowietischen Raum

Geleitet und gestaltet wird die Veranstaltung von Lucija Marošević, die selbst eine ex-jugoslawische Migrationsbiografie aufweist. Ihre Großeltern zählen zu einer katholischen Minderheit kroatischer Bosnier*innen, die als sogenannte „Gastarbeiter“ aus dem nordöstlichen Bosnien nach Deutschland gekommen sind. Ebenfalls mit dabei ist Jana Aslan-Moor, Bildungsreferentin bei Mosaik Deutschland e. V., die im Alter von sechs Jahren von Kasachstan nach Deutschland emigriert ist. Die Auseinandersetzung mit den vielfältigen Lebensrealitäten und Migrationserfahrungen aus dem postsowjetischen Raum ist ein zentraler Bezugspunkt ihrer Arbeit.

„Die Stimmen der Menschen aus den genannten Räumen sollen im Mittelpunkt stehen. Denn genau diese Stimmen blieben bisher oftmals ungehört. In unserem Erzählcafé können Menschen mit Migrationsbiografie und Fluchterfahrung über Diskriminierung, Empowerment, aber auch Erinnerungen und ganz Alltägliches berichten – ganz niedrigschwellig und in der Sprache, in der sich die eigene Geschichte richtig anfühlt“, erzählt Lucija Marošević. Alle Interessierten mit Bezügen zu Osteuropa und postsowjetischen Ländern – dazu zählen u. a. die Ukraine, Georgien und Armenien, aber auch Länder Zentralasiens wie Kasachstan, Usbekistan oder Tadschikistan – sowie der Balkan, wie beispielsweise Bosnien und Herzegowina, Kosovo, Kroatien und Rumänien, sind daher eingeladen, mitzuwirken. Thementische mit offenen Fragen fördern den Dialog. Es wird zudem Musik, die Emotionen wecken kann, Speisen und Getränke geben. „Gerne können auch Bilder oder Gegenstände mitgebracht werden, die man mit der Herkunft, aber auch mit dem Hiersein in Deutschland verbindet. Auch alle, die zuhören möchten, sind willkommen.“

Komplexe Identitäten sichtbar machen

„Menschen mit Migrationsbiografie und Fluchterfahrung aus den genannten Räumen erleben hier in Deutschland vielfache Zuschreibungen: russischsprachig, slawisch, jüdisch, muslimisch, Roma, Flüchtling oder Ausländer”, erklärt Lucija Marosevic. „Sie begegnen oft Vorurteilen und Stereotypen, die ihre wahren Geschichten übertönen. Scham und Unsicherheit herrscht oftmals darüber, ob das, was ihnen widerfahren ist oder tagtäglich widerfährt, überhaupt als Diskriminierung und Rassismus bezeichnet werden darf. Es wird leider viel geschwiegen über Erlebtes. Vor allem ältere Generationen sprechen selten darüber. Daher soll es im Rahmen der Veranstaltung einen Input zum Thema Antislawismus geben und insbesondere wie dieser mit den jeweiligen geografischen, religiösen und kulturellen Begebenheiten in Verbindung steht – zudem wiederum die Verbindung zu anderen Diskriminierungsformen. Enttabuisierung und Sichtbarkeit sollen dadurch einmal mehr möglich werden.“

Zu Gast am 29. März 2026 wird Martin Hopp sein. Seine Migrationsgeschichte aus dem postsowjetischen Raum – seine Mutter stammt aus Russland – führte zu seiner Politisierung und einem Studium der Politikwissenschaft als auch Slawistik. Auf Instagram veröffentlicht er unter dem Namen polyriker politische Analysen, Einordnungen/Kontextualisierungen und Kommentare zu tagesaktuellen und historischen Ereignissen. „Es handelt sich bei der Post-Ost- und Balkan-Community um eine diverse Gemeinschaft, deren Erfahrungswelten durch das Überschneiden verschiedener Diskriminierungserfahrungen geprägt ist. Viele Jüdinnen und Juden aus den genannten Räumen erfahren sowohl Antislawismus als auch Antisemitismus. Sinti*zze und Rom*nja erleben gleichzeitig Gadjé-Rassismus. Diese Erfahrungen gilt es, sichtbar zu machen und zu würdigen“, erklärt Martin Hopp. „In diskriminierungssensibilisierten Milieus wird das Ausmaß des Antislawismus häufig in Frage gestellt. Wichtig hierbei zu betonen ist, dass diese Form der Diskriminierung nicht nur auf jene Menschen, die aus slavischsprachigen Kontexten kommen, zu beziehen ist, sondern auf jene, die als osteuropäisch wahrgenommen werden. Selten aufzutauchen, das ist mit einem Gefühl von Einsamkeit und viel Unverständnis verbunden. Daher sind Formate wie das Erzählcafé wichtig zur Vernetzung, aber auch zur Vermittlung von Selbstwirksamkeit.”

Fragen, die zum Nachdenken anregen, fließen an diesem Nachmittag ebenfalls mit ein: Welche Geschichten fehlen euch in der Öffentlichkeit? Wo begegnen euch Vorurteile? Wo findet ihr Verbundenheit, Humor und Widerstandskraft? Was ist Heimat für euch? „All diese Fragen sollen helfen, die Vielfalt der Erfahrungen zu erkunden und ein tieferes Verständnis füreinander zu entwickeln“, sagt Lucija Marošević. „Das Erzählcafé bietet demnach eine Chance, über Vergangenheit und Gegenwart, über das Hiersein und die Herkunft zu sprechen sowie Ängste und Unsicherheiten abzubauen. Wir wollen gemeinsam die komplexen Identitäten und Biografien und vor allem die Stärke sowie Vielfalt, die in ihnen steckt, sichtbar machen. Jede einzelne Geschichte ist wertvoll!”