Wenn die Pause zur Hölle wird
Vortrag und Gespräch mit Norman Wolf.
Di, 10. März 2026, 19 Uhr
Stadtbibliothek, S-Mitte
Mitveranstalter: Forum der Kulturen Stuttgart e. V., Landeszentrale für politische Bildung
Norman Wolf auf Instagram: deintherapeut
ARD-Reportage Mobbing – ich ging durch die Hölle
Interview mit Norman Wolf
„Mobbing funktioniert über die Angst der Umstehenden“
Wie lässt sich Mobbing definieren?
Mobbing ist eine absichtliche Schädigung, die immer wieder und über einen längeren Zeitraum hinweg stattfindet – das wissen viele. Viele wissen nicht: Mobbing geht mit einem Kräfteungleichgewicht einher – das Opfer ist den Täter*innen unterlegen. Es handelt sich also explizit nicht um einen Streit auf Augenhöhe oder einen Konflikt, den das Opfer eigenständig bewältigen kann.
Du hast über Jahre hinweg Mobbing erlebt. Was können Kinder und Jugendliche tun, die sich in einer solchen Situation befinden?
Ich würde gern sagen: „Tut das, was ich getan habe.“ Aber ich habe genau das Falsche getan: Ich bin allein damit geblieben, habe das Leid ausgehalten und darauf gewartet, dass es von selbst aufhört. Und deshalb möchte ich das Gegenteil sagen: „Macht nicht den gleichen Fehler wie ich. Sucht euch eine Person, die ihr liebhabt oder der ihr vertraut, und sprecht darüber. Dann kann es besser werden.“
Wie sollte das Umfeld reagieren – Familie, Lehrkräfte, Mitschüler*innen?
Ein Kind, das sich anvertraut, braucht eine erwachsene Person, die ihm zuhört und es ernst nimmt. Die nicht „Die ärgern dich nur“ oder „Ignorier sie doch einfach“ sagt, sondern sich für das Vertrauen bedankt, Empathie zeigt und deutlich macht, dass das Kind ab jetzt nicht mehr allein mit dem Problem ist.
Mitschüler*innen will ich ermutigen, den Mund aufzumachen. Mobbing funktioniert über die Angst der Umstehenden. Die meisten wünschen sich, dass es aufhört; die wenigsten trauen sich, etwas zu sagen. Wer mutig ist, kann nicht nur dem Opfer helfen, sondern auch den Täter*innen klarmachen, dass nicht alle auf ihrer Seite sind.
Gibt es Menschen, die besonders von Mobbing betroffen sind (sei es zum Beispiel durch Herkunft, Sprache, sexuelle Identität)? Wenn ja, wie können sie besonders gestärkt werden?
Leider ja – wer sich vom Durchschnitt unterscheidet, gerät leichter ins Visier. Die bessere Frage ist doch: Wie können sie besonders geschützt werden? Wir sprechen schließlich über Kinder und Jugendliche, die gerade erst lernen, sich in der Welt zu behaupten, und genau deshalb Personen haben, die für ihr physisches und psychisches Wohl verantwortlich sind – Eltern, Lehrkräfte. Diese Schüler*innen sollten also vor allem lernen, wo sie sich Hilfe holen können.
Dein zuletzt erschienenes Buch richtet den Blick auf Cybermobbing. Wie nimmst du den öffentlichen Umgang mit diesem Thema bisher wahr?
Er ärgert mich. Die Politik hatte mehrere Jahrzehnte Zeit, um wirksame Regeln zu schaffen, die junge Menschen im Netz schützen. Stattdessen sprechen wir nun ständig darüber, wie wir sie aus diesem Raum ausschließen können, der längst Teil ihres sozialen und schulischen Lebens ist und durchaus positive Chancen birgt – vor allem für Personen, die von der Mehrheitsgesellschaft abweichen.
Könnte Mobbing verhindert werden?
Mobbing basiert auf einem basalen sozialen Prozess: Ich werte eine andere Person ab, um mich selbst aufzuwerten. Solange es Menschen gibt, welchen es an Selbstwertgefühl mangelt, wird es auch Mobbing geben. Um es möglichst einzugrenzen, müssen wir frühzeitig und immer wieder präventiv arbeiten und den Schüler*innen nachhaltig vermitteln, welche tiefgreifenden Folgen es hat.