Abdul Rahman Alali
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Abdul Rahman Alali: Der Pianist vom Charlottenplatz
Musik als Chance, Vorurteile zu beseitigen
Mit gerade mal zwölf Jahren kam Abdul Rahman Alali im Rahmen eines Familiennachzugs aus Syrien nach Deutschland, genauer nach Kirchheim an der Teck. „Ich wollte unbedingt zu meinem Vater nach Deutschland. Er war bereits 2015 hierhergekommen und meine Mutter, meine zwei Brüder und ich haben ihn so schrecklich vermisst“, erzählt Abdul. „Als ich hier ankam, musste ich bei null anfangen. Ich kannte die Sprache nicht. Und es fühlte sich so an, als hätte ich meine Heimat verloren …“, so Abdul, der in der syrischen Hauptstadt Damaskus geboren und aufgewachsen ist.
Seine schmerzhaften Gefühle hielten ihn nicht davon ab, sich ein neues Leben aufzubauen: „Ich besuchte eine Hauptschule und schloss diese mit der Note 1,8 ab. Im Anschluss absolvierte ich ein Praktikum als Vermessungshelfer – mein Traumberuf – in Plochingen.“ Aktuell sucht Abdul einen Arbeitsplatz, möchte zudem eine Abendrealschule besuchen. „Ich will arbeiten und gleichzeitig einen weiteren Schulabschluss schaffen“, teilt der 21-Jährige, der mittlerweile in Stuttgart lebt, mit Überzeugung mit. Ganz wichtig für ihn: „Ohne die Unterstützung meiner Familie, die ich über alles liebe, wäre ich nichts! Sie gibt mir die Kraft, die ich brauche!“
Beginn einer Leidenschaft
Mit dem Klavierspielen begann Abdul vor sechs Jahren: „Ich habe immer davon gehört, dass Menschen ein Instrument spielen können, und wollte wissen, wie es sich anfühlt“, erzählt er. Orte wie Flughäfen und Bahnhöfe, an denen Musik oft zu hören ist, inspirierten ihn und weckten in ihm den Wunsch, selbst diese Kunst zu beherrschen.
In der Hauptschule, die er besuchte, gab es eine Arbeitsgruppe (AG) „Keyboard“ – doch Noten lesen war nichts für ihn. Daher fragte er, ob er das Klavier, dass es in der Schule gab, nutzen durfte. „Ich fragte also meinen Lehrer. Er meinte nur: ‚Aber nur, wenn du nichts kaputt machst‘“. Er entgegnete ihm unmittelbar darauf: „Wallah, nein!“ – ein arabischer Ausdruck, der „Ich schwöre bei Gott“ bedeutet und oft verwendet wird, um die Glaubwürdigkeit einer Aussage zu unterstreichen oder ein Versprechen zu bekräftigen. „Ab diesem Zeitpunkt verbrachte ich an diesem Klavier jede freie Minute, auch nach meinem Hauptschulabschluss,“, sagt er mit einem riesengroßen Lächeln im Gesicht.
Das Besondere: Abdul bringt sich seither alle Lieder, die ihm gefallen, selbst bei. Auf Noten verzichtet er weiterhin. „Es ist wie eine eigene Sprache, daher brauche ich keine Noten. Solange ich die Melodie in meinem Kopf habe, kann ich sie auch auf die Tasten übertragen“, beschreibt er seinen Lernprozess. „Ich lasse meine Finger von alleine führen. Es ist wie eine Art Therapie.“
Ein Lächeln ist die Belohnung
Für Abdul ist das „Open Piano“ am Stuttgarter Charlottenplatz eine sehr große Bereicherung. Dort zu spielen, ist für ihn mehr als nur eine Darbietung. „Ein Lächeln reicht, wenn ich an diesem Ort, an dem so viele Menschen unterwegs sind, Klavier spiele. Ich mache mir selbst eine Freude und anderen Menschen auch. Ich bin so glücklich, dass verschiedenste Menschen das Klavier nutzen. Ich habe hier Menschen aus allen möglichen Ländern kennengelernt – ob aus Japan oder meiner Heimat Syrien. Sogar ein blinder Mann hat am Klavier gespielt. Es ist ein Ort für alle“, erklärt er.
In den Momenten, in welchen er die Tasten benutzt, ist er in einer anderen Welt, erzählt er, und bemerkt weder die Menschen um ihn herum noch den Lärm der U-Bahn. Was er in diesen Momenten empfindet, ist „Erleichterung“. Als er dieses Wort ausspricht, spürt man geradezu, wie tief diese Erleichterung sein muss. Allein der Gedanke ans Klavierspiel lässt ihn loslassen. Von was genau, bleibt in seinem Innersten, bleibt sein Geheimnis. Was er aber mitteilt: „Vor jedem Auftritt rufe ich meine Mutter an, die mir jedes Mal sagt, dass sie hofft, dass ich auch dieses Mal wieder Menschen glücklich machen werde“. Seine Passion fand übrigens Anklang: Bei einer Veranstaltung des Projektlabors Haus der Kulturen durfte er zum Beispiel im Landesmuseum Württemberg auftreten. Er freut sich auch in Zukunft über solche Anfragen und ist sehr dankbar.
Die verbindende Kraft der Musik
Abduls Musik zieht Menschen jeden Alters, jeder Herkunft, jeder Konfession an. Ältere Menschen, Kinder und alle dazwischen bleiben stehen, um zuzuhören. Viele bedanken sich, stellen ihm Fragen oder äußern Songwünsche. Das Repertoire reicht von Ludovico Einaudis Experience über das Kinderlied Bruder Jakob bis hin zu Filmsoundtracks wie Die fabelhafte Welt der Amélie, komponiert von Yann Tiersen, oder das von Hans Zimmer komponierte Lied Cornfield Chase zum Film Interstellar von Christopher Nolan. Auch Lieder wie Sahar Al Layali von der libanesischen Sängerin Fairouz, die zu einer der bedeutendsten arabischen Sängerinnen zählt, stehen auf seinem Programm.
Welche Botschaft ihm sehr am Herzen liegt: „Musik zeigt, dass alle Menschen gleich sind. Egal, in welchem Land – überall gibt es Musik, und Musik verbindet“, sagt Abdul. Er möchte Vorurteile abbauen und zeigen, dass Araber*innen nicht nur negativ wahrgenommen werden sollten. „Musik bietet eine wertvolle, emotionale Chance, um Vorurteile zu beseitigen – und vor allem möchte ich mitteilen: Deutschland ist für mich zur zweiten Heimat geworden. Ich möchte nie wieder das Gefühl erleben müssen, meine Heimat zu verlieren … die Musik gibt mir Kraft, ebenso wie meine Familie. Ich bin sehr dankbar hier zu sein.“