Abteilung Integrationspolitik Stadt Stuttgart
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Zwei Jahrzehnte Zuwanderungsgesetz
Gelebte Integration – der Stuttgarter Weg
Als das Zuwanderungsgesetz am 1. Januar 2005 in Kraft trat, bedeutete dies einen grundlegenden Perspektivwechsel in der deutschen Integrationspolitik. Migration wurde nicht länger als vorübergehendes Phänomen betrachtet, sondern als dauerhafte Realität einer vielfältigen Gesellschaft. Integration wurde erstmals ausdrücklich zur staatlichen Aufgabe erklärt. Mit den bundesweit einheitlichen Integrationskursen entstand ein Instrument, das Sprache, Wertevermittlung und Orientierung miteinander verbindet – und damit den Grundstein für gesellschaftliche Teilhabe legt. Zwanzig Jahre später ist die Bilanz eindrucksvoll: Rund 3,6 Millionen Menschen haben bundesweit an Integrationskursen teilgenommen, allein im Jahr 2024 waren es über 363.000 – ein Rekordwert. Ergänzt werden die Integrationskurse durch Berufssprachkurse, Erstorientierungsangebote und die Migrationsberatung. Sprache wird dabei nicht als Selbstzweck verstanden, sondern als Schlüssel zu Bildung, Arbeit, demokratischer Mitwirkung und sozialem Zusammenhalt.
Der Stuttgarter Weg: Integration vor Ort
In Stuttgart sind diese bundespolitischen Strukturen seit Beginn eng mit einer eigenen kommunalen Integrationsstrategie verzahnt: dem sogenannten „Stuttgarter Weg“. Die Landeshauptstadt versteht sich seit Jahrzehnten als Stadt der Integration. Menschen mit Bezügen zu mehr als 180 Nationen leben hier – viele von ihnen bereits in zweiter oder dritter Generation. Der Stuttgarter Weg setzt auf ein humanitäres, dezentrales und beteiligungsorientiertes Integrationsverständnis. Migranten und Migrantinnen werden dezentral in allen Stadtbezirken untergebracht, Großunterkünfte werden vermieden. Ziel ist es, frühzeitig Begegnung zu ermöglichen und Segregation entgegenzuwirken. Integration findet dabei nicht allein in eigens konzipierten Programmen statt, sondern im gelebten Alltag: in Nachbarschaften, Sportvereinen, Kirchengemeinden, Elternabenden und am Arbeitsplatz. Ehrenamtliche Freundeskreise begleiten Zugewanderte vor Ort, Migrationsdienste beraten in allen Fragen des Ankommens und Sprachförderung wird so früh wie möglich angeboten – ergänzt durch arbeitsmarktnahe Maßnahmen und eine kursbegleitende Kinderbetreuung. Und auch die Arbeit des Forums der Kulturen ist Teil dieses Stuttgarter Wegs, nicht zuletzt durch sein Förderprogramm House of Resoruces, mit dem nun bereits seit zehn Jahren das Engagement von (post-)migrantischen Vereinen gestärkt wird.
„Sprache ist der Wendepunkt“
Wie entscheidend diese Verzahnung ist, zeigt die Geschichte von Diletta Cristodaro. Mit 18 Jahren kam sie 2014 aus Italien nach Stuttgart, schwanger und ohne Deutschkenntnisse. „Ich war überzeugt: in Deutschland gibt es Möglichkeiten“, erinnert sie sich. Die ersten Monate waren schwierig, doch sie erlebte viel Solidarität – von Nachbarn, Arbeitgebern und der Migrationsberatung der Caritas. Diese ermöglichte ihr den Zugang zu einem Integrationskurs mit Kinderbetreuung. „Der Spracherwerb war für mich tatsächlich ein Wendepunkt“, sagt Cristodaro. Deutsch zu lernen bedeutete Teilhabe, Sicherheit und Unabhängigkeit. Heute arbeitet Diletta Cristodaro als Buchhalterin im Italienischen Generalkonsulat in Stuttgart, hat ein Studium abgeschlossen und bewegt sich selbstverständlich zwischen zwei Sprachen und Kulturen. Ihr Fazit: „Niemand schafft Integration allein. Aber mit Sprache, Unterstützung und Zeit ist Veränderung möglich.“
Mut machen und Wege teilen
Auch Iffat Intisar Syed verbindet ihre Integrationsgeschichte unmittelbar mit dem Deutschlernen. 2004 folgte sie ihrem Mann aus Pakistan nach Deutschland. In ihrem Herkunftsland hatte sie Public Administration studiert, in Deutschland fand sie sich zunächst sprachlos im häuslichen Alltag wieder. Erst das Programm der Abteilung Integrationspolitik Mama lernt Deutsch eröffnete ihr neue Wege. „Was ich gelernt habe, habe ich direkt angewendet“, sagt Syed, die sich parallel ehrenamtlich in der Kinderbetreuung engagierte. Heute arbeitet sie im Projektmanagement eines Eltern-Kind-Zentrums und setzt ihr Wissen im Projekt Gemeinsam Wege gehen ein. „Die Chance, die ich bekommen habe, möchte ich weitergeben“, betont sie. Integration, so Syed, sei in Stuttgart heute differenzierter, zielgruppenspezifischer und besser vernetzt als früher. Gleichzeitig bleibe sie eine gemeinsame Aufgabe von Politik, Verwaltung, Zivilgesellschaft und Zugewanderten selbst. Ihr Leitgedanke: „Immer miteinander statt nebeneinander.“
Orte des Ankommens: Bildung und Beratung
Getragen wird dieses Integrationssystem von engagierten Bildungsträgern und Beratungsstellen. Renata Delic, Programmbereichsleiterin Deutsch und Integration an der Volkshochschule Stuttgart, blickt auf zwei Jahrzehnte Integrationskurse zurück: „Der Integrationskurs ist viel mehr als Sprachunterricht. Er bringt Menschen aus aller Welt zusammen, die hier eine neue Zukunft aufbauen möchten.“ Oft sei die vhs die erste verlässliche Anlaufstelle für Neuankommende gewesen – gerade in Zeiten großer Fluchtbewegungen. „Wir sind Brückenbauer zwischen Herkunft und Zukunft, zwischen Fremdsein und Ankommen“, sagt Delic.
Integration ist mehr als Sprache
Für Stuttgart spielt seit Jahrzehnten auch der Caritasverband eine zentrale Rolle. Sabrine Gasmi-Thangaraja, Bereichsleiterin Migration und Integration, verweist auf über 50 Jahre Migrationsarbeit in der Stadt. Mit Einführung der Integrationskurse 2005 übernahm der Migrationsdienst die sozialpädagogische Begleitung der Teilnehmenden. Heute gehe es neben Sprache zunehmend um komplexe Fragen des Aufenthaltsrechts, der Anerkennung von Abschlüssen und psychosozialer Stabilisierung. Doch die wachsende Zahl der Ratsuchenden stehe im Missverhältnis zu sinkenden Personalkapazitäten. „Integration ist längst nicht nur eine Frage der Sprache, sondern ein umfassender Prozess, der alle Lebensbereiche berührt“, sagt Gasmi-Thangaraja, die auch als Sprecherin des Liga-Fachausschusses Migration fungiert. Zugleich mahnt sie einen verantwortungsvollen gesellschaftlichen Diskurs an: „Es ist wichtig, wie über Migration gesprochen wird. Sprache schafft Wirklichkeit – und kann verletzen.“
Gemeinsame Verantwortung – auch für die Zukunft
Diese gemeinsame Verantwortung stand auch im Mittelpunkt des von der Abteilung Integrationspolitik organisierten Festakts zum Jubiläum 20 Jahre Zuwanderungsgesetz, den die Stadt Stuttgart im Oktober im Rathaus beging. Vertreterinnen und Vertreter aus Bund, Land und Kommune diskutierten Erfolge, Herausforderungen und Zukunftsperspektiven – ergänzt durch Stimmen aus der Praxis und persönliche Integrationsgeschichten. Der Tenor war eindeutig: Integration ist kein abgeschlossener Zustand, sondern ein dauerhafter Prozess, der politische Verlässlichkeit, gesellschaftliche Offenheit und individuelle Anstrengung erfordert. Zwanzig Jahre nach Inkrafttreten des Zuwanderungsgesetzes zeigt Stuttgart eindrucksvoll, wie bundespolitische Rahmenbedingungen, kommunale Strategien und persönliche Lebenswege ineinandergreifen können. Sprache öffnet Türen, Strukturen geben Halt – und der Stuttgarter Weg macht Integration im Alltag erlebbar.