Ankommen und bleiben? 70 Jahre deutsch-italienisches Anwerbeabkommen
Ausstellung
27. November 2025 bis 21. März 2026
Hauptstaatsarchiv, S-Mitte
70 Jahre deutsch-italienisches Anwerbeabkommen
„Wir sind die Generation, die ihren Eltern folgen musste“
Angelina Savarese und Mario Gattari waren in einem ganz ähnlichen Alter, als sie in Deutschland ankamen – sie 12, er 14 Jahre alt. Mario Gattari kam bereits im Jahr 1962, Angelina Savarese zehn Jahre später. Was die beiden verbindet: Sie sind Kinder von Vätern, die in der Bundesrepublik als sogenannte „Gastarbeiter“ arbeiteten, nachdem diese in den italienischen Städten Neapel und Verona durch einen deutsch-italienischen Ausschuss aus Arbeitgebervertretern, Gewerkschaft und Ärzteteam untersucht worden waren und ihnen damit der Weg offenstand – einen Arbeitsvertrag für die erste Arbeitsstelle und die Zusage für eine Wohnunterkunft bereits in der Tasche. Was die beiden verband: Das Gefühl eines Abstiegs, als sie sich mit ihren Familien in den für sie gefundenen Wohnungen in einem fremden Land wiederfanden.
„Ich werde den Blick meiner Mutter nie vergessen“, erzählt Mario Gattari. „Als sie in unsere Wohnung in Echterdingen hineinkam, sagte sie, ‚ich will auf der Stelle wieder zurück‘.“ Er lacht. Geblieben ist sie mit den Kindern trotzdem, nachdem der Vater bereits zwei Jahre ohne Familie in Echterdingen ausgeharrt hat, einem Ort, in dem er gemeinsam mit seinen ehemaligen Angestellten aus Italien als Schreiner eine Anstellung gefunden hatte. Seine eigentliche Idee: Gemeinsam in Deutschland ein paar Jahre arbeiten und dann in der italienischen Region Marken eine größere Schreinerei aufzubauen als die, die er bereits gegründet hatte. Doch ihm erging es wie anderen auch: Die eigentlichen Pläne einer raschen Rückkehr waren am Ende nicht mehr als Pläne. Die Realität eine andere. Es waren eben Menschen, die kamen und von denen 500.000 auch blieben. Und auch wenn es viele Parallelen in den Geschichten der sogenannten „Gastarbeiter“ und ihren Familien gibt: Jede Geschichte ist doch eine ganz eigene.
Angelina Savarese hat Fotos mitgebracht. Sie erzählt ihre Geschichte, die insofern nicht „typisch“ ist, als dass ihr Vater Enrico gleich gemeinsam mit seiner Familie 1972 in die Bundesrepublik, genauer nach Reichenbach/Fils kam. Aus gesundheitlichen Gründen hatte er seine Firma in der Nähe von Neapel aufgegeben und wollte nun dem Bruder folgen, dieser hatte für ihn bereits Arbeit und eine Wohnung besorgt. So fuhr er gemeinsam mit seiner Frau Maria und den vier Kindern auf der Rückbank in einem Fiat 1100 nach Deutschland. „Ich war die älteste mit zwölf Jahren, mein jüngster Bruder Mimmo war damals gerade mal dreieinhalb.“

Das Leben, in dem sich Angelina mit ihren zwölf Jahren wiederfand, war ein sehr anderes als das, das sie verlassen hatte. Die Familie lebte von nun an in einer Wohnung, die sie sich zu ihrer Überraschung noch mit zwei anderen Menschen teilen musste. Zu Anfang schliefen drei Kinder mit den Eltern im Schlafzimmer, Angelina als Älteste mit einer weiteren Arbeiterin aus Italien im eigentlichen Kinderzimmer und im Wohnzimmer lebte ein Mann aus Jugoslawien. „Mein altes Leben war im Vergleich dazu purer Luxus“, erzählt sie heute. Bis dahin hatte die Familie in einem großen Haus gelebt, sie hatten zwei Autos und im Hof spielten die Kinder. Doch ein Zurück gab es nicht mehr.
Bald arbeitete nicht nur der Vater, sondern auch die Mutter – und Angelina, die Älteste, kümmerte sich nach der Schule um die Geschwister. „Ich habe wirklich gelitten“, erzählt sie. Da war das Zurücklassen der Freundinnen und Freunde, in der Schule die Sprachbarriere, die Bezeichnung als beliebte Nudelsorte – „Irgendwann habe ich dann ein paar Mädchen zu mir nach Hause eingeladen und habe einfach Spaghetti für sie gekocht“ – und nachmittags die Übernahme der Mutterrolle und die Sorge, es könnte irgendetwas passieren, während die Mamma in einer Holzfirma arbeitete. Angelina kochte die Nudeln, für die ihre Mutter am Abend zuvor schon die Soße vorbereitet hatte, ging mit ihrer Schwester einkaufen, wenn die Mutter es nicht schaffte. Zeit, um die deutsche Sprache besser zu lernen oder sie mit Freundinnen zu verbringen, gab es außerhalb der Schule kaum. Häufig stand ihre Schwester Erminia vor der Klassentür und wartete schon ungeduldig darauf, gemeinsam nach Hause zu gehen.
Und doch ist Angelina froh darüber, wie alles gekommen ist, denn ihre Mutter hatte dafür gesorgt, dass die Familie zusammenbleiben konnte, dass der Vater nicht allein nach Deutschland zum Arbeiten ging, sondern sie diesen Schritt gemeinsam machten.
„Manchmal wurden Arbeiten geschrieben und ich wusste nicht einmal, worum es geht.“
Dass Angelina und ihre Geschwister trotz bürokratischer Hürden bereits nach einem halben Jahr eine Schule besuchen konnten, hatten sie dem Direktor der Reichenbacher Hauptschule zu verdanken. Er konnte Italienisch und sprach sie auf der Straße an. „Doch am Anfang habe ich in der Schule überhaupt nichts verstanden“, erzählt die heute 65-Jährige. „Manchmal wurden Arbeiten geschrieben und ich wusste nicht einmal, worum es geht. Irgendwann haben mich meine Freundinnen abschreiben lassen, doch das ist dann auch sofort an der fehlerfreien Sprache aufgefallen.“ Sie kämpfte sich in eine internationale Klasse und konnte somit endlich auch Deutsch lernen. Und zum Ende ihrer Schulzeit in Reichenbach wurde Angelina dann so unerwartet auf die Bühne gebeten, dass sie meinte, sich verhört zu haben. Sie hatte ihren Abschluss mit Belobigung bestanden. Sie lächelt. „Ich habe mich so geschämt. Aber ich war glücklich.“ Dann half sie in der Holzfirma, in der bereits die Eltern arbeiteten, ging danach zu Bosch, wo auch ihr Bruder Giovanni arbeitete, leitete mit ihren Geschwistern mehrere Modeläden und betreibt heute mit ihrem Mann Rocco in Stuttgart einen italienischen Feinkostladen.
Mario Gattari hatte zehn Jahre zuvor gerade seinen Hauptschulabschluss in der Tasche, als er mit seiner Familie nach Echterdingen zog. „Mein Vater lebte eigentlich mit dem Koffer unter dem Bett, um jederzeit wieder nach Italien zurückzukehren, doch als der Familiennachzug möglich war, sind wir dann doch nach Deutschland gezogen“. Und der 14-jährige Jugendliche fand sich wieder in einem Dorf. „Klein und links und rechts der Straße dampfende Misthaufen“, erzählt er und lacht. „So habe ich Echterdingen damals gesehen.“
Wie auch Angelina brauchte Mario lange, um die deutsche Sprache zu lernen. „Der Lehrer in der Berufsschule hat bei den Diktaten regelmäßig ein Auge zugedrückt“, erzählt er. Was Angelina und Mario verbindet, ist das Glück, auf die richtigen Menschen getroffen zu sein. Es waren die Menschen, die es den Ankommenden leichter machten: Sei es der engagierte Rektor, der Lehrer, der zur rechten Zeit ein Auge zudrückt, der Chef von Marios Vater, der die Familie zu Beginn sogar selbst zur Anmeldung nach Esslingen fährt.

Rasch nach seiner Ankunft begann Mario, in einer Druckerei zu arbeiten. „Mit 14 Jahren und vier Monaten habe ich das erste Mal in Deutschland Steuern bezahlt“, erzählt er; und als 18-Jähriger half er bereits im damaligen italienischen Zentrum in Stuttgart anderen beim Ausfüllen ihrer Einkommenssteuererklärung. Die Arbeit als Drucker machte ihm Spaß, und wenn er nicht arbeitete, engagierte er sich politisch. Mit anderen Jugendlichen gründete Mario Gattari den ersten Ausländerausschuss in Echterdingen. „Mein Eindruck ist, dass das Anwerbeabkommen vor 70 Jahren fortschrittlicher war, als es unsere heutige Einwanderungspolitik in Deutschland ist“, sagt er. Die Menschen kamen mit einer Perspektive, einem Arbeitsvertrag, hatten eine Beschäftigung – und doch gibt es einen Fehler, der damals wie heute gemacht werde: „Sowohl die Menschen als auch die Politik geht davon aus, dass Einwanderung nur auf Zeit besteht, doch viele Menschen bleiben.“ Schon in den 70er-Jahren machte Mario Gattari sich dafür stark, dass Deutschland sich als Einwanderungsland anerkennt. Er fragt: „Was heißt italienisch, was heißt deutsch? – Migration gehört zu unserer Menschheitsgeschichte, sie lässt sich nicht stoppen, wenn Menschen dafür sogar ihr Leben aufs Spiel setzen.“ – „Daher lautet die Botschaft, die ich aus meiner Erfahrung auch jetzt noch vermitteln möchte: Einwanderung ist etwas normales und Integration gelingt besser, wenn Einwanderung als solche akzeptiert und anerkannt wird.“ Was ihm bis heute fehlt, ist die Anerkennung des Beitrags für die deutsche Gesellschaft und Wirtschaft, den die angeworbenen Arbeitskräfte geleistet haben. „Ich wünsche mir, dass die Menschen mit dem, was sie geleistet haben, anerkannt werden. Wie wäre zum Beispiel die deutsche Staatsangehörigkeit als eine Art symbolisches Dankeschön?“
Fast 40 Jahre arbeitete Mario Gattari als Drucker und gelangte von dort als Betriebsrat zur Gewerkschaftsarbeit, über die er seit 2005 und auch heute noch mit einem Alter von 77 Jahren als Versichertenberater der Deutschen Rentenversicherung alle Menschen unabhängig ihrer Nationalität und vor allem Deutsche zu sozialen und Rentenfragen berät – zentral für ihn in seiner Arbeit war immer der soziale Aspekt.
Auch für Mario Gattari ist seine Geschichte nicht „typisch“: „Ich hatte unglaublich viel Glück“, sagt er. „Und ich bin sicherlich privilegiert, was meine Situation in Deutschland anging.“ Es gibt sie eben nicht, die eine „Gastarbeitergeschichte“. Doch was die Geschichten der Kinder verbindet: „Wir sind die Generation, die ihren Eltern folgen musste“, sagt Mario Gattari. Sie sind die Generation, die dann auch mit und nach ihren Eltern die deutsche Wirtschaft stärkte und die Gesellschaft bereicherte. Und sie sind die Generation, die die Geschichten ihrer Eltern erzählt, da diese sie immer weniger selbst erzählen können – so wie Mario Gattari und Angelina Savarese.