Gemeinsam in Vielfalt älter werden

Fachtag
Freitag, 12. Dezember 2025, 9.30–15.30 Uhr,
Rathaus Stuttgart, Großer Sitzungssaal
Veranstalterin: Landeshauptstadt Stuttgart – Abteilung Integrationspolitik, Amt für Soziales und Teilhabe und Abteilung für Strategische Sozialplanung

Landeshauptstadt Stuttgart
Referat Soziales und gesellschaftliche Integration
Abteilung Integrationspolitik
Sara Alterio, Tel. 216-606 14
sara.alterio@stuttgart.de
Mergime Mahmutaj, Tel. 216-803 96
mergime.mahmutaj@stuttgart.de

 

 

Bild aus dem türkischen Theaterfilm "Auch wenn Sie vergessen, vergessen wir Sie nicht". Demenz Support Stuttgart sensibilisiert mit diesem Film Menschen mit Migrationsbiografie für das Thema Demenz.
Foto: Demenz Support Stuttgart gGmbH
Ausgabe: Dezember 2025 – Januar 2026

Älter werden in Stuttgart

Viele wissen nicht, was ihnen zusteht

Zuerst die gute Nachricht: In Stuttgart gibt es eine Menge Hilfs- und Pflegeangebote für ältere Menschen. Allerdings wissen viele Migrant*innen nicht, welche Möglichkeiten und Ansprüche sie haben. Der Fachtag Gemeinsam in Vielfalt älter werden bringt Akteur*innen zusammen und ermutigt dazu, selbst Initiative zu ergreifen.

Wer hilft mir im Haushalt, wenn ich nicht mehr alles schaffe? Habe ich Anspruch auf Pflegegeld? Was tun, wenn ich beim Ausfüllen der Anträge Schwierigkeiten habe? Wer älter wird, hat oft viele Fragen. Das gilt für Menschen mit und ohne Migrationsbiografie gleichermaßen. Der Unterschied: Für viele Eingewanderte ist der Weg zu Antworten deutlich schwieriger.

Dass dem so ist, belegt eine Umfrage der Stadt Stuttgart aus den Jahren 2022/2023. Im Stadtbezirk Stuttgart-Wangen wurden rund 600 Senior*innen zu ihrer Lebenssituation befragt. Die Hälfte von ihnen zählt zur ersten Generation der Eingewanderten. Gefragt wurde nach sozialen Kontakten, nach Herausforderungen und Bedürfnissen.

Informationen kommen oft nicht an

Ein Ergebnis der Umfrage: Menschen mit Migrationserfahrung wissen häufig nicht, welche Unterstützungsmöglichkeiten es gibt und auf welche Leistungen sie Anspruch haben. Das hat auch damit zu tun, dass Informationen oft in deutscher Sprache verfasst sind oder an Orten ausliegen, die sie selten aufsuchen.

„In Stuttgart leben viele Migrant*innen, die in ihrem Leben Großartiges geleistet haben, dabei aber wenig Teilhabe erfahren“, erklärt Sara Alterio von der Abteilung Integrationspolitik der Stadt Stuttgart. Das Argument, dass fehlendes Informiertsein mit mangelnden Sprachkenntnissen zu tun habe, lässt sie nicht gelten: „Für die erste Gastarbeitergeneration gab es keine Sprachkurse“, betont sie. „Dazu kommt, dass Ämter und andere öffentliche Einrichtungen von dieser Generation oft nicht als Orte wahrgenommen werden, die sie mit ihren Anliegen und Herausforderungen aufsuchen können. Deshalb ziehen sich viele im Alter komplett in die Familie zurück.“

Wer wenig um Hilfe bittet, wird oft übersehen

Sümeyra Öztürk, wissenschaftliche Mitarbeiterin für Demenz und Migration bei Demenz Support Stuttgart, formuliert es ähnlich: „Das ist eine Generation, die sehr genügsam war und wenig eingefordert hat. Diese Menschen sind bescheiden, bitten ungern um Hilfe und werden deshalb gesellschaftlich oft übersehen.“ Wenn es dann doch nicht anders geht, wenden sich die Betroffenen erfahrungsgemäß zunächst an Familienmitglieder – insbesondere an Kinder und Enkel. Doch die sind häufig selbst beruflich und familiär ausgelastet und müssen sich erst durch den Informationsdschungel wühlen.

Eine wichtige Rolle kommt hier migrantischen Vereinen zu, die wertvolle Vermittlungsarbeit leisten können. Sie verfügen oft über wertvolle Expertise, haben aber selten die Mittel, um die Aufgabe systematisch anzugehen. Das Forum der Kulturen hat deshalb vor Jahren Runde Tische zur Vernetzung initiiert. Die Corona-Pandemie brachte die Initiative zum Stocken. Seit 2024 gibt es die Runden Tische wieder. Organisiert werden sie nun von der Abteilung Integrationspolitik der Stadt Stuttgart. Alle drei Monate stellen Akteur*innen aus Verwaltung, Gesundheitswesen und Vereinen Angebote vor und suchen nach Wegen, um Senior*innen mit Migrationserfahrung besser zu erreichen und einzubinden.

Ein Fachtag schafft Öffentlichkeit

Um die Dringlichkeit des Themas stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken, lädt die Abteilung Integrationspolitik am 12. Dezember 2025 gemeinsam mit dem Amt für Soziales und Teilhabe, der Abteilung Strategische Sozialplanung und vielen weiteren Kooperationspartner*innen zum Fachtag Gemeinsam in Vielfalt älter werden ein. Das Thema wird praktisch und wissenschaftlich aufgegriffen: Die Soziologin Prof. Dr. Dr. Hürrem Tezcan-Güntekin von der Alice Salomon Hochschule Berlin und Prof. Dr. phil. Liane Schenk von der Charité Berlin bieten Einblicke in die aktuelle Forschung zu Migration und Alter. Ihr Beitrag soll Denkanstöße geben, wie Kommunen, Pflegeeinrichtungen und Zivilgesellschaft gemeinsam Lösungen entwickeln können.

Konkret diskutieren können Betroffene, Angehörige und Engagierte in Workshops, die unter anderem zu den Themen Beratungsstellen in der Stadt, Altersarmut, Digitale Teilhabe, Demenz, Wohngemeinschaften und Ehrenamt angeboten werden. Zudem gibt es einen Markt der Möglichkeiten, bei dem städtische und freie Träger sowie migrantische Organisationen ihre Angebote vorstellen.

Weil das Thema vielschichtig ist, arbeiten Mitarbeiter*innen aus verschiedenen Stuttgarter Ämtern und Vereinsaktive Hand in Hand. Das ist etwas das Catrin Hanke besonders freut. Sie hat 2022 beim Amt für Soziales und Teilhabe die Umfrage betreut. Der Fachtag ist eine Maßnahme, die damals beschlossen wurde. „Inzwischen hat sich ein ämterübergreifendes Netzwerk entwickelt, in das sich jede*r mit Fachwissen einbringt. Alle ziehen an einem Strang“, bemerkt sie, „das ist eine wirklich tolle Entwicklung“.

Wer sich beim Fachtag umschaut, wird feststellen, dass es bereits eine Menge Initiativen, Angebote, Anlaufstellen gibt. Sie müssen nur bekannter, ausgeweitet und finanziert werden – das gilt vor allem für die Angebote migrantischer Vereine.

Gemeinschaft ist existenziell

Ein schönes Beispiel ist der Pflegeverein Emin Eller e.V., der in Stuttgart-Rot, Bad Cannstatt und Umgebung derzeit drei selbstorganisierte Pflege-Wohngemeinschaften für Menschen mit Demenz betreut. Die WG in Rot ist türkischsprachig. Das heißt nicht, dass die Gruppe sich abschottet. Im Gegenteil, die gemeinsame Sprache erleichtert die Teilhabe.

Oft sprechen Menschen mit beginnender Demenz nur noch ihre Muttersprache

„Gemeinschaft ist für das Wohlbefinden von demenzkranken Menschen entscheidend. Dabei spielt die gemeinsame Sprache eine wichtige Rolle“, erklärt Ergun Can, Vorstand des Vereins. Hier kommt ein Detail zum Tragen, das oft übersehen wird: „Selbst wenn sie gut deutsch gesprochen haben, können sich Migrantinnen und Migranten bei beginnender Demenz oft nur noch in ihrer Muttersprache verständigen. Fehlt die Ansprache, ziehen sie sich zurück. Damit sind sie komplett isoliert“, so Ergun Can.

„Kultursensibilität“ ist auch für Sümeyra Öztürk das entscheidende Stichwort – ob es um Beratung oder Pflege geht. „Auch Sterben ist etwas Kulturspezifisches“, bemerkt sie. Um Menschen besser zu erreichen und zu verstehen, gilt es in ihren Augen, die Ressourcen und Potenziale in den Belegschaften zu nutzen. Das beginnt damit, Wissen und Fähigkeiten wie Mehrsprachigkeit oder Kenntnisse zu Religion, Kultur und Weltanschauung wertzuschätzen. Ebenso wichtig findet sie, dass Strukturen gelockert werden, um Ressourcen flexibler einsetzen zu können. „Feste Zuständigkeiten sind ein Korsett“, bemerkt sie. Momentan könne es passieren, dass eine Beratung scheitert – und das, obwohl ein paar Zimmer weiter jemand sitzt, der die Sprache oder Situation verstehen und vermitteln könnte.

Wo kultursensible Betreuung gelingt, trägt sie schöne Früchte. Auch hierzu gibt es ein schönes Beispiel aus der türkischen Pflege-WG in Stuttgart Rot. Dort wird abends warm gekocht, wie es die Bewohner*innen gewohnt sind. Das gemeinsame Essen in der WG schafft Gemeinschaft und sorgt für gute Stimmung. „Es kommt immer wieder vor, dass Bewohner*innen aus der benachbarten deutschsprachigen Demenz-WG mit am Tisch sitzen“, bemerkt Ergun Can. Ein gutes Zeichen.

 

Kooperationspartner*innen:

Amt für Sport und Bewegung, Gesundheitsamt, Demenz Support Stuttgart gGmbH, Emin Eller e. V., Entwicklungswerk für Soziale Bildung und Innovation – Landesverband Baden-Württemberg e. V., Forum der Kulturen Stuttgart e. V., Asociación Ecuatoriana e. V., Deutsch-Türkisches Forum Stuttgart e. V., GerBera, Deutsche Jugend aus Russland e. V., Kroatische Kulturgemeinschaft Stuttgart e. V., Kalimera e. V., Kurdische Gemeinde Stuttgart e. V., Circulo Latino e. V., Club Espanol e. V., Comunità Cattolica Italiana Stuttgart-Vaihingen Cristo Re, Netzwerk „Demenzfreundliches Bad-Cannstatt“

Demenz Support Stuttgart gGmbH
Tel. 0711 997 87-10
info@demenz-support.de
www.demenz-support.de

Förderverein Emin Eller e. V.
Ergun Can
emin-eller@web.de
www.emin-eller.de