Drag Show ATTENTION!
Zutritt ab 18 Jahren.
27. Februar 2026, 20.30 Uhr
Im Rahmen der Aktionswochen gegen Rassismus:
27. März 2026, 20.30 Uhr
Laboratorium, S-Ost
www.laboratorium-stuttgart.de
Drag Show ATTENTION! Im Laboratorium
„Elekktra ist die mutigere Version von mir“
Was bedeutet Drag? Nastasja und Idil haben auf dem Tisch allerlei ausgebreitet: falsche Wimpern, Nippel Pasties – glitzernde, schwingende Brustwarzenabdeckungen –, eine der dreißig Perücken von Elekktra Heart. Und doch ist Drag so viel mehr als stundenlanges Schminken, Haare stylen und sich als Drag Artist unter anderem Namen wiederzufinden. Es geht um nicht weniger als die eigene Identität.
Sich in der Rolle eines Drag Artists wiederzufinden, braucht ordentlich Arbeit und Zeit. Zwei bis drei Stunden dauert allein der Prozess, währenddessen sich Idil Schritt für Schritt in Elekktra Heart verwandelt. Bereits davor fand ein mehrtägiges Styling der Perücke, das Suchen nach und das Schneidern am passenden Kleidungsstück statt. Und dieser Prozess ist längst kein allein äußerlicher: Der Blick in den Spiegel, wenn das eine Gesicht hinter hautfarbener Grundierung und abgeklebten Augenbrauen verschwindet und das andere noch nicht zu sehen ist, ist kein angenehmer. „Das Ganze ist ein Handwerksprozess mit Identitätsauseinandersetzung“, sagt Nastasja, und mittendrin befinde man sich in einer „Phase der Verlorenheit“. Diese Zeit scheint geprägt zu sein von ungeduldigem Warten, bis die Dragfigur endlich sichtbar wird. „Bei mir ist das das Aufkleben der Wimpern“, sagt Idil und lacht. „Und bei mir ist es der Bart“, sagt Nastasja.
„Drag ist die übertriebene Darstellung meiner selbst“
Es ist nicht nur das Schlüpfen von einer Identität in eine andere und dazwischen eine Leere, vielmehr hängt alles miteinander zusammen. „Elekktra ist die mutigere Version von mir“, erzählt Idil. „Für mich ist Drag die übertriebene Darstellung meiner selbst und durch Elekktra kann ich den Raum in der Gesellschaft einnehmen, den ich einnehmen möchte.“ Schlüpft Idil in Elekktra Heart, wird sie zu einer Hyper Queen, da Idil in dieser Rolle ihre eigene Weiblichkeit überspitzt. Klebt sich Nastasja einen Bart an, beziehungsweise malt ihn sich auf, verwandelt sie sich in Wolfgang Bäng und wird damit zu einem Drag King.

„In Wolfgang steckt mehr von mir drin, als mir lieb ist“, erzählt sie. Ihr geht es nicht darum, auszusehen wie ein Mann, sondern darum, von der Gesellschaft männlich gelesen zu werden. „Und ich habe gelernt, es reicht mir ein Bart.“ Kaum trägt Nastasja ihn, verändert sich das Verhalten. Wolfgang macht, was Nastasja nicht kann: Wo sie sich gezwungen fühlt, sich zurückzuhalten, steht Wolfgang. „Das ist durchaus auch ein Gefühl von Befreiung“, erzählt sie. Und so ist Wolfgang laut für die Themen, die Nastasja wichtig sind: laut für die Rechte von Frauen und queeren Menschen, laut für die Repräsentation von Menschen mit Migrationsbiografie – und diese sind auch in der Dragszene noch immer sehr unterrepräsentiert. „Auch wenn Drag als Untergrundkunst immer mehr in der Mainstream rückt, die Diversität im Drag rückt nicht mit“, erklärt Nastasja. Wer für Shows – von kleinen bis hin zur Show auf großen Hauptbühnen – gebucht werde, sind immer noch häufig weiße, deutsche Männer, beziehungsweise deren Dragfigur.
Das Problem steckt im System und so ist es in der Dragszene wie anderswo auch: Sichtbarkeit erhalten nicht alle gleichermaßen, auch wenn sie dieselben Dinge tun. Genau das kritisieren Idil und Nastasja und machen es mit ihrem siebenköpfigen Ensemble bewusst anders. „Es ist ein gutes Gefühl, den Künstler*innen eine Stimme zu geben – und sie aufgrund unserer finanziellen Förderung für das Projekt sogar für ihre Arbeit ordentlich bezahlen zu können, das ist keine Selbstverständlichkeit“, erzählt Nastasja. „Alle sind sehr motiviert und dankbar, dabei zu sein.“
Wie hängen Herkunftsidentität und Dragfigur zusammen?
Passend für ein diverses Ensemble ist auch das Thema, das es auf die Bühne bringen wird: Herkunftsidentitäten; und damit einhergehend auch die Frage: „Wie hängen meine Herkunftsidentität und meine Dragfigur zusammen?“. Sich mit der eigenen Herkunftsidentität zu befassen, ist etwas zutiefst Individuelles und doch tue es gut, das in Gemeinschaft zu tun. Als Teil des Ensembles sind die Mitglieder nicht allein, was sehr ungewöhnlich ist für Drag Artists, die meist für einen Solo Act gebucht werden. „Und auch wenn wir verschiedene Herkunftsidentitäten haben, haben wir doch viele gemeinsame Kerne“, erklärt Nastasja. „So verbindet uns zum Beispiel, dass wir es nie schaffen, ein Gericht zu kochen, das genauso schmeckt, wie von Mama.“
Diese Mama sitzt dann eventuell im Publikum, wenn die Ensemblemitglieder ihre Herkunftsidentitäten zum Thema machen – für Idil und Nastasja eine nicht nur angenehme Vorstellung: Wie frei kann ich etwas über meine Herkunftsidentität auf die Bühne bringen, wenn meine Mutter im Publikum sitzt? Welche Erwartung hat die Familie an mein Verständnis von Herkunftsidentität?
Und doch werden sie am 27. Februar 2026 auf der Bühne stehen und es wird unglaublich gut sein: Idil sucht lange nach dem für sie passenden Wort für diesen ersten Moment, wenn Elekktra Heart in all ihrer Weiblichkeit in das Scheinwerferlicht tritt, und sie entscheidet sich mit all dem Stolz, der Ermächtigung und der Sichtbarkeit, die darin mitschwingen für „empowernd“. „Ich wünschte, früher hätte es so jemanden wie Elekktra für mich gegeben.“